Die Wollgarnspinnerei

Baugeschichte und Industriedenkmal

Lage und Bauphasen

Die Wollgarnspinnerei liegt am südwestlichen Rande der Altstadt, deren Häuser im 14 Jahrhundert von den hier ansässigen Loh- und Weißgerbern bewohnt wurden. Im Stadtgrundriss von 1727 sind die Flächen noch als Ackerland verzeichnet. Die Geschichte der Wollgarnfabrik beginnt im Jahre 1889 und zeigt frühe Vorgängerbauten in Fachwerkbauweise, die sogar noch bis 1963 im Innenhof standen.
Die Teile der noch heute erhaltenen Wollgarnfabrik enstanden Anfang des 20. Jahrhunderts am damaligen Stadtrand. Fulda mit seinem Fluss war schon immer Platz für die Textilmanufaktur und Industrie.
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Fabrikneubau in Backstein und Holzbauweise von 1904

Die Entwürfe des Fabrikneubaus vom 1904 stammen vom Fuldaer Architekten Fritz Adam und bestanden aus einem Vorder- und einem Hintergebäude. Heute existiert davon nur noch der hintere Teil. In die Ecke des L-förmigen Baus wurde von 1925 bis 1926 ein Turm mit Aufzug eingebaut. In den 1920er Jahren folgten die Schleppgaupen am Dach.

Erweiterung in Stahlbetonbauweise in 1912

Der Teil, in dem die Office Factory ist, wurde erst 1912 als damals frühe und neue Stahlbetondeckenkonstruktion errichtet. Der Unterschied im Bauwerk könnte zwischen dem alten und neuen Teil - obwohl die beiden Bauten nach außen hin fast gleich erscheinen - nicht größer sein. Wo im alten Bau noch Backsteine, Lehmwände mit Stroh und Schilf sowie Decken aus Holzbalken verwendet wurden, ist im neuen Bauteil alles aus solidem Stahlbeton. Wer in der Office Factory mal hinter die Kulissen (Decken) schauen konnte, wird erstaunt sein wie solide die Decken ausgeführt wurden. Trotzdem war man sich der Sache - da brandneue Technik - nicht völlig sicher und Dr. Kleinlogel aus Darmstadt, ein Gutachter für "Eisenbetonkonstruktionen", hat die vorliegenden statischen Berechnungen als unzureichend gebrandmarkt und den Einzug von 4 Säulenpaaren erzwungen. Diese Säulen geben dem Flügel der Office Factory auch heute noch ihren martialischen Gesamteindruck. Zu sehen sind diese u.a. im Bild vom Saal. In den anderen Räumen wurde die Innenwände so verbaut, das diese nur noch mit dem geübten Auge erkennbar sind. Aber, im Grunde genommen können dadurch alle Innenwände statisch problemlos entnommen werden und die Fläche ohne Probleme neu aufgeteilt werden.
Den einzelnen Gebäudeabschnitten gemeinsam ist die gleiche Aussenfassade, Fenstergestaltung und Höhe. Besonders schön sind die aufwendigen Ornamente, die in den Putz hineingekratzt sind, anstatt wie heute üblich einfach nur durch Farbe gefertigt zu sein.

Pförtnerhaus

Sehr markant ist auch das Pförtnerhaus an der der Altstadt zugewandten nordöstlichen Seite. Erbaut mit Autogarage und Werkstatt wurde es zwischen 1922 und 1926 zusammen mit der großen Toranlage errichet. Im rechten Teil war unter einem auf drei Pfeilern ruhendendem Vordach die Pförtnerloge untergebracht.  Das große Tor verlor seinen Bogen samt dem Schaf darauf irgendwann in den 1960er Jahren. Leider ist bis heute unbekannt, warum der Bogen abgerissen wurde und wohin das Schaf kam. Zur großen Freude wurde der Bogen und das Schaf aber im Zuge der Restaurierung des Geländes vom heutigen Besitzer wieder restauriert.

Weitere Gebäude

Das Areal hat eine baulich recht bewegte Geschichte hinter sich. Auf dem Gelände wurden weitere Fabrikhallen wie Schlot- und Kesselhäuser errichtet, umgebaut und wieder abgerissen. Wer mehr davon sehen möchte, den muss ich auf das Stadtarchiv verweisen. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt, daher kann ich diese hier nicht präsentieren.

Anfang - Herstellung von Garn aus Wolle

Wie der Name schon aussagt, wurde hier u.A. auch aus der Wolle der Rhöner Schafe Wolle zu Garn versponnen. Der Unternehmer hatte in der Region einen sehr guten Ruf, sorgte er doch für seine Arbeiter und Arbeiterinnen in vorbildlicher Weise. Leider musste die Wollgarnfabrik Anfang der 60er Jahre wie so viele Industrieunternehmen schliessen. Damit endete auch die Nutzung des älteren Teils (der L-Winkel mit Turm) der Wollgarnspinnerei.

Wirtschaftswunder und die Deutsche Post

Nachdem die Wollgarnfabrik ihre Pforten geschlossen hatte, zog mit der Deutschen Bundespost die Fernmelder in den neueren Bauteil ein. Auch nach der Spaltung in Post und Telekom blieben die Fernmelder mit der Telekom lange Zeit auf dem Gelände. Nach dem Jahr 2000 zogen immer mehr Einheiten aus und die Immobilie war dem schleichenden Verfall ausgesetzt.

KEWOG und keine Sanierung in Sicht

Einige Zeit hatte die KEWOG die Wollgarnfabrik, aber so richtig traute sich keiner an eine Sanierung des immer maroder werdenen Gebäudes. Viele Fuldaer sprachen über die Fabrik, die immer mehr zum Schandfleck wurde. Dabei hatte sie aus denkmalpflegerischer Sicht ein ungeheures Potential. Auch die Ausstrahlung der Fabrik war für Menschen mit Vorstellungkraft ungemein positiv.

Rettung durch ein Ehepaar aus Bayern

In Fulda bekannt wurde ein Ehepaar aus Bayern, die mit viel Liebe die ehemalige Landeszentralbank kauften und wunderschön restaurieren liessen. Und, nach dem dies abgeschlossen war, machten Sie sich Gedanken, das es mit der Wollgarnfabrik ein weiteres Objekt gab, das vor dem Verfall gerettet werden musste. Die Fabrik wurde von der KEWOG gekauft, und ein Konzept entwickelt, was eine Sanierung tragfähig macht. Der Rest ist Geschichte. Die Hälfte der Fabrik ist saniert, die sanierten Teile seit Anfang des Jahres 2012 vermietet. Und das Flair aussen und innen ist unbeschreiblich! Sowas kennt man eigentlich nur aus Städten wie Berlin.

Aktuelle Nutzung des Geländes und der Fabrikgebäude

Alter Teil von 1902

Das Gebäude wird durch die Firma P&P AG aus Zwickau zu 30 hochwertigen Eigentumswohnungen ausgebaut. Dabei mussten aus verschiedenen Gründen alle Decken komplett entnommen werden und das Gebäude wurde komplett entkernt. Neu aufgebaut wird auch das Dach sowie Keller und die gesamte Innenbebauung.

Pförtnerhaus

Das Pförtnerhaus hatte es mit am schlimmsten erwischt. Der Schwamm und Obdachlose hausten zuletzt im Gebäude, das kurz vor dem Verfall stand. Hier wurde liebevoll und aufwändig restauriert. Besonders groß war die Freude, das in das Pförtnerhäuschen kein Büro einzog, sondern durch das Atelier für Naturtextilien und Stoffdesign, die Firma Crea Time wieder die Nutzung der Flächen mit Schafenswolle zurückkehrt. Die Firma Crea Time verkauft nicht nur hochwertige Naturtextilien, sondern im Atelier wird Wolle zu außergewöhnlichen Kleidungsstücken gefilzt.

Neuer Bauteil aus Stahlbeton von 1912

Da die Stahlbetonkonstruktion in Gänze in sehr gut erhaltenem Zustand keine grundlegende Sanierung benötigte, beschränkte sich die Sanierung auf den Einbau neuer Fenster, die Sanierung des Treppenhauses sowie die allgemeine Erneuerung der Infrastruktur wie Heizung, Wasser und Strom. Im Herbst 2011 wurde das Gebäude soweit fertig, das erste Mieter einzogen konnten:
  1. Office Factory: Seit September 2011 (EG. / Hochparterre)
  2. Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft: Seit November (1. OG.)
  3. Diakonisches Werk: Seit Dezember 2011 (2. OG.)
  4. Zwei Mietwohnungen: Seit Januar 2012 (DG.)
Seit Anfang des Sommers sind auch die Parkflächen im Innenhof erneuert worden. Durch die Wiederverwendung des historischen Pflasters und die Anlage der Parkplätze mit weißem Kies ergibt sich ein harmonisches und hochwertiges Gesamtbild.
Bild "wollgarnfabrik-vom-hof.jpg"

Ausblick

Ein Teil der Hoffläche ist geschottert und dient als Parkplatz. Es bleibt also spannend, wie das Areal sich weiter entwickeln wird. Sicher ist jedoch, das durch die mutige Entscheidung des Investors eine großartige Immobilie vor dem Verfall gerettet wurde. Auch die Stadt Fulda hat durch Fördergelder bewiesen, das ihr die Stadtentwicklung und die Bewahrung von Geschichte etwas wert sind.

Die Office Factory wäre ohne das nicht möglich gewesen!

Aktuelles aus der Fabrik

Bilder des Treppenhauses finden Sie auf der Webseite der Wandmanufaktur Jertz, die ein einzigartiges Treppenhaus geschaffen hat.

Quelle der historischen Daten: Stadtarchiv / Denkmalschutzamt Fulda

Gerhard Fröhlich